Hmm. Das Buch lässt mich im Zwiespalt. Es hat dramaturgische Schwächen, von der Handlungsanlage her ist es eher ein mittelmäßiger Krimi als ein Science-Fiction-Roman, und die wissenschaftlichen Prämissen, die der Leser akzeptieren muss, sind hanebüchen. Da werden ein paar Geräte vorgestellt, die meine Suspension of disbelief schon auf eine harte Probe stellen. (Gibt es für Suspension of disbelief eigentlich eine vernünftige deutsche Übersetzung?)

Auf der anderen Seite hat der Roman natürlich einige ungewöhnliche Qualitäten. Den Hugo gibt’s ja schließlich nicht für irgendetwas.

Zum Inhalt:

In ferner Zukunft tobt ein furchtbarer Krieg zwischen zwei Fraktionen, den Schlangen und den Spinnen. Beide Seiten verfügen über die Möglichkeit der Zeitreise und wollen den Krieg für sich entscheiden, indem sie mit militärischen Einsatzkommandos die Vergangenheit so verändern, dass die Geschichte einen anderen Verlauf nimmt und sie in der Zukunft dadurch den entscheidenden Vorteil erhalten.

Als Soldaten werden geeignete Individuen aus den unterschiedlichsten Epochen ausgewählt, die kurz vor ihrem Tod vor die Wahl gestellt werden: sterben, wie es ihnen bestimmt ist, oder aus der Zeit herausgenommen werden und für die Spinnen kämpfen? Wer sich für den Kampf entscheidet, erleidet bei den Einsätzen furchtbare Traumata, von denen er sich dann in einem von vielen Erholungszentren kuriert, die aus unserem Raum-Zeit-Kontinuum ausgelagert wurden. Und in einem dieser Zentren spielt unsere Geschichte.

Der Roman steht in Ich-Perspektive, unsere Erzählerin ist eine Unterhalterin im Erholungszentrum, wo sie sich gemeinsam mit fünf anderen Unterhaltern um das Wohlergehen der Soldaten kümmert. Derer tauchen zu Beginn der Handlung drei auf: ein römischer Soldat, ein junger britischer Dichter, der im ersten Weltkrieg fallen sollte, und der Schwarm unserer Heldin, ein Wehrmachts-Offizier. Später tauchen noch unerwartet eine kretische Amazone und zwei Außerirdische auf, deren Einsatz fehlgeschlagen ist: Sie sollten mit einer Atombombe den Ausgang einer Schlacht in Ägypten zu Cäsars Zeiten verändern.

Damit ist das Personal unseres Kammerspiels vollständig. Die Erholungsstation wird aus zunächst unerfindlichen Gründen vom Rest des Kosmos abgeschnitten. Damit liegen zwei Fragen auf der Hand: Erstens, was ist passiert und wie macht man es rückgängig? Und zweitens: Will man es überhaupt rückgängig machen, oder ist man besser dran, jenseits von Raum und Zeit sein Dasein zu fristen und mit dem Krieg nichts mehr zu tun zu haben?

Der Was-ist-überhaupt-passiert-Teil ist heute nicht mehr gut zu lesen, da hat sich die Science Fiction einfach viel, viel weiter entwickelt. Der Teil, in dem Sinn und Unsinn des Krieges und andere Handlungsmöglichkeiten diskutiert werden, ist allerdings nach wie vor faszinierend und bereichernd.

Was ich fürs Schreiben gelernt habe:

Dreistigkeit beim Personarium. Mir bleibt ja heute noch die Spucke weg, wenn der Autor einen Nazi als Figur einführt und der keineswegs eindeutig der Böse ist, sondern sogar das Love Interest unserer Erzählerin. In den USA der 50er muss das eigentlich noch deutlich mehr geschockt haben.

Der Roman führt ein Prinzip auf die Spitze, dass James N. Frey in seinen Büchern übers Schreiben als den Schmelztiegel bezeichnet: Pack unterschiedliche Charaktere in eine Situation, aus der sie nicht rauskommen, setz sie unter Stress und schau was passiert. Durch sein Setting, dass er in diesem Krieg Menschen und Außerirdische aus jeder Epoche der Geschichte verwenden kann, kriegt Leiber eine hochinteressante Mischung in seinen Schmelztiegel. Wie sich das Ganze dann entwickelt, davon kann man sich schon einiges abschauen.

Zu guter Letzt werden mit viel Phantasie hochinteressante Themen abgehandelt. Was bedeutet dieses aus-der-Zeit-genommen-werden für die Betroffenen? Wie geht man damit um, wenn die Zeit sich so verändert, dass der eigene Tod – Voraussetzung für die Rekrutierung – gar nicht stattfindet und auf einmal eine zweite Version von einem lebendig herumläuft? Ist es ein Verbrechen, die Vergangenheit so zu verändern, dass beispielsweise Shakespeares Werke nie geschrieben werden? Da hat Leiber weiter gedacht und spannendere Fragen gestellt als die meisten Autoren von Zeitreise-Geschichten. Gelernt: Nicht nur über Elemente nachdenken, die für Plot und Figuren notwendig sind. Die Aspekte, die den Roman spannend, wichtig und Hugo-würdig machen, liegen nicht auf dem geraden Pfad von der Einleitung zur Auflösung, sondern gut versteckt am Wegesrand.