Ein verwirrendes Buch. Es hat mir gut gefallen und mich sehr fasziniert. Das muss ich vorneweg sagen, falls die folgenden Anmerkungen so klingen, als fände ich es komplett behämmert. Das Gegenteil ist richtig. Ich weiß nur nicht, warum man so etwas schreibt, und ich weiß auch nicht, wer auf die Idee kommt, so etwas zu verlegen … Aber ich bin froh, dass beides geschehen ist.

Zum Inhalt:

Bei der Lektüre wurde ich mehreren Leuten gefragt, worum es in dem Buch geht. Meine Antwort war dann stets »Kann ich noch nicht so genau sagen.« Irgendwann hab ich bemerkt, dass ich vierzig Seiten vor Ende bin und immer noch keine Antwort auf diese Frage hatte. Und dass ich trotzdem gespannt dabei blieb.

Entsprechend wirr wird jetzt die Handlungszusammenfassung. Wir folgen ein halbes Jahr lang dem Tagebuch der fünfzehnjährigen Waliserin Mor Phelps. Mor ist seit einem Autounfall behindert und muss am Stock gehen, ihre Zwillingsschwester Mor ist bei diesem Unfall ums Leben gekommen. (Ja, in der Tat: Mor und Mor. Morwenna und Morganna.) Die beiden Mädchen haben verhindert, dass ihre Mutter, die eine böse Hexe, vielleicht aber auch einfach nur verrückt ist, die Weltherrschaft an sich reißt.

Klingt nach einem Romanplot. Vielleicht kein Spitzenroman, aber hey, Zwillingsschwestern verhindern den Weltuntergang, eine von ihnen stirbt – da habe ich schon Schlechteres gelesen. Nur ist das überhaupt nicht Thema das Buches. Was wir zu lesen bekommen, liegt anderthalb Jahre nach diesen Ereignissen: Mors Versuch, mit der Welt klarzukommen, nachdem all das hinter ihr liegt.

Sie ist vor ihrer Mutter davongelaufen zu ihren Großeltern. Als die sich nicht mehr um sie kümmern können, kommt sie zu ihrem Vater, der die Familie verlassen hat, als die Mädchen zwei Jahre alt waren. Der Vater steckt sie in England auf ein Edelinternat mit Sportschwerpunkt, wo sie als verkrüppelte Waliserin aus einfachen Verhältnissen einfach nicht hinpasst. Als wäre man nicht schon genug Außenseiter dadurch, dass man Magie wirken kann.

Mor hilft sich, indem sie liest wie eine Besessene. Alles, was ihr an Science Fiction und Fantasy in die Finger fällt. Und sie muss in dieser völlig fremden Welt des Internats (bzw. England allgemein) ihren Platz finden. Freundinnen. Erste Liebe. Das Verhältnis zu ihrem Vater. Ihre Tanten, die ebenfalls Hexen sind. Die englischen Elfen, die im Gegensatz zu den walisischen nicht mit ihr sprechen. Ihre Mutter, die ihr bedrohliche Flüche hinterherschickt.

Und ja, das ist es im Großen und Ganzen schon an Handlung.

Was ich fürs Schreiben gelernt habe:

Es ist möglich, ein wirklich cooles Buch ohne Plot zu schreiben. »In einer anderen Welt« enthält nur die losen Tagebuchaufzeichnung eines sehr cleveren, pubertierenden Mädchens. So wirr und zufällig, wie das Leben nun mal ist. Man erkennt am Ende einen roten Faden, aber es hätte sich jederzeit auch anders entwickeln können. (Wie das Leben selbst … In der Rückschau wirken manche Dinge so, als hätten sie Sinn gegeben. Reine Verklärung der Vergangenheit, meiner Ansicht nach.)

Der Trick, mit dem Jo Walton mich hineingezogen hat, ist Mors Literaturliebe. Gefühlt ein Drittel des Buches dreht sich darum, was Mor gerade liest oder gelesen hat und wie sie es findet. Und grob die Hälfte der Bücher kenne ich auch und finde sie ebenso großartig. (Jo Walton muss ein noch größerer Nerd als ich sein, was ich schon ganz beeindruckend finde … Und ich muss unbedingt mal wieder was von Zelazny lesen.) Wahrlich ein Buch von einem Nerd über einen Nerd für Nerds. Bei mir zieht der Trick.

Die Probleme, mit denen Mor sich herumschlägt, sind mit auch noch aus meiner Jugend in Erinnerung. Das Gefühl, nie ganz hinein zu passen … Die Flucht in Fantasiewelten durchs Lesen … Been there, done that. Auch deshalb fühle ich mich Mori verbunden und wollte wissen, was ihr alles widerfährt.

Und natürlich habe auch ich mir etwas Magie im Alltag gewünscht. Nun, das hat Mor meiner eigenen Jugend voraus – und zwar mehr, als ihr lieb ist. Aber die Magie, wie Jo Walton sie entwirft, hat nichts von Harry Potter und Zaubersprüchen und Zauberstab schwingen. Es ist eine unterschwellige Naturmagie, die alle Eingeweihten spüren und nutzen können, um bestimmte Resultate zu erreichen. Wobei man sich nie ganz sicher sein kann, ob die Magie wirklich gewirkt hat oder ob alles nur Zufall war. Mal hilfreich, mal bedrohlich – aber immer durchzogen von dieser Unsicherheit … Es könnte tatsächlich so sein. Und die Welt, in der das alles passiert, ist so real geschildert und so sehr unser Alltag, dass man sich fragt, warum dieser Aspekt denn dann nicht auch stimmen sollte … Die Autorin hat eine wunderbare Art erfunden, zugleich für Verunsicherung und für Glaubwürdigkeit zu sorgen.

Ich bin sehr beeindruckt. Ich kenne wirklich nichts Ähnliches.

So, wo ist jetzt noch einmal meine Zelazny-Ausgabe?